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  • Städtefreundschaft Frankfurt – Kobanê e.V. c/o Club Voltaire Kleine Hochstraße 5 60313 Frankfurt am Main
  • Spendenkonto: Frankfurter Volksbank IBAN DE66 5019 0000 6200 9082 42
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Dr. Michael Wilk berichtet aus Kobane

Der Wiesbadener Arzt Michael Wilk hält sich zurzeit in Nordostsyrien (Demokratische Föderation Nordostsyrien, Rojava) auf und berichtet

Kobane im August 2019
Die Aufbauleistung der Menschen Kobanes ist großartig. Das Ausmaß der vormaligen Zerstörung wird auf den Bildern von August 2015 deutlich – ich sah die Stadt nach der verlustreichen Verteidigung und Rückeroberung gegen den IS, die bis zum Februar 2015 dauerte, buchstäblich komplett in Trümmern liegen. Nach vier Jahren des Wiederaufbaus ist davon nur noch wenig zu sehen. Die Ruinen wurden beseitigt, ganze Straßenzüge neu gebaut und die Infrastruktur saniert. Ein Kraftakt, der ohne staatliche Unterstützung, sondern vielmehr aus eigener Kraft und mit solidarischer Hilfe von Familien und Initiativen im Ausland gestemmt wurde. 

Kobane ist nicht nur ein Symbol des Widerstands gegen den faschistoid-islamistischen IS, sondern ebenso für den Wiederaufbau der Gesellschaft. Diese erschöpft sich jedoch nicht nur in der materiellen Rekonstruktion einer Stadt, sondern verfolgt mit basisdemokratischen Ansätzen, der Gleichberechtigung von Mann und Frau, weitreichende gesellschaftlich-emanzipative Ziele.  Die mit vielen Menschenleben teuer erkämpfte und wiedererlangte Freiheit ist durch die Eroberungspläne des Erdogan-Regimes aufs Neue bedroht. Die Sorge vor einer erneuten militärischen Auseinandersetzung ist deutlich spürbar, niemand möchte Bombardements, Zerstörung, Tote und Verletzte.

Der Anfang 2018 mit Hilfe islamistischer Hilfstruppen und Luftangriffen durchgeführte türkische Einmarsch in Afrin, der viele Menschen tötete und Tausende in die Flucht schlug, ist klar im Bewusstsein der Menschen.  Von Panik und Chaos ist jedoch nichts zu spüren, alle gehen ihren Beschäftigungen nach, die Geschäfte sind geöffnet, auf den Baustellen herrscht voller Betrieb. Sollte Erdogan das Ziel verfolgt haben, die Menschen durch die Drohung eines Einmarschs zu lähmen oder einzuschüchtern, so hat er diesen Teil der Auseinandersetzung schon verloren. Alle, mit denen wir reden, ob Mandatsträger*innen oder Menschen auf der Straße, sagen letztlich etwas ähnliches: Wir nehmen die Bedrohung ernst und bereiten uns vor, aber wir werden nicht weichen.

Das soll jedoch nicht über den Ernst der Lage hinwegtäuschen, das türkische Militär hat tausende Soldaten an der Grenze Nordsyriens zusammen gezogen.  Allenthalben wird der Wunsch geäußert, den Druck auf die europäischen Regierungen zu erhöhen, um so auf die repressive türkische Politik einzuwirken. Eine besonders notwendige Aufgabe angesichts des konsequenten Schweigens der deutschen Regierung gegenüber dem totalitären Agieren Erdogans.

Kobane, 28.08.2019
Auf dem Friedhof der aus Kobane stammenden Kämpferinnen und Kämpfer. Viele Hundert liegen allein hier, insgesamt sind um die 11.000, vor allem junge Menschen im Kampf gegen den IS gestorben. 20.000 wurden schwer verwundet und verstümmelt. Erschüttert entdecke ich das Grab von Sehid Heyisem, ich kannte ihn aus Rakka 2017, wo er als Ambulanzfahrer die Stützpunkte des Kurdischen Roten Halbmonds anfuhr. Er überlebte Rakka, kam jedoch später durch eine Mine um Leben:

August 2019 Camp Al Hol
Rojava/ Demokratische Föderation Nord/Ostsyrien

Video auf Youtube

Die Bedingungen im Camp Al Hol haben sich seit meinem letzten Aufenthalt Anfang des Jahres nicht geändert. Immer noch leben über 70.000 Menschen, davon extrem viele Kinder und Jugendliche, unter schwierigsten Bedingungen im Camp. Zur Zeit herrschen extreme Temperaturen über 40 Grad im Schatten. Schlimmer ist jedoch die Perspektivlosigkeit und der Mangel von Schulen und Weiterbildung. Ganz zu schweigen von einer notwendigen Auseinandersetzung mit der erlebten IS- Herrschaft.
In dem Lager für Geflohene befinden sich Opfer des IS, aber auch Tausende überzeugte IS-Anhängerinnen, die getrennt von ihren anderenorts inhaftierten Männern, auf engstem Raum lebend, die in ihren Köpfen verankerte IS-Ideologie hochhalten.

Die Versorgung mit Wasser und Nahrungsmitteln durch das UNHCR ist gesichert und NGOs wie der Kurdische Rote Halbmond, MSF, Cadus und Medico International geben ihr Bestes für die schwierige medizinische Unterstützung. Das existentielle Problem, wie mit sowohl den erlittenen Traumata, als auch der fixierten IS-Ideologie umzugehen ist, bleibt jedoch vorerst ungelöst. Das wiederum ist brandgefährlich. Denn ohne Schaffung von Perspektiven und ohne psycho-soziale Programme zur Auseinandersetzung mit dem IS, droht das Camp zu einem Reproduktionsort der faschistoid-islamistischen Ideologie zu werden.
Ein notwendiger erster Schritt wäre die Übernahme ausländischer IS-Angehöriger in ihre Herkunftsländer. Eine Aufgabe, vor der sich europäische Staaten drücken und damit die kurdische Selbstverwaltung einmal mehr alleine lassen.

Camp Al Hol,  August 2019