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Wir befürchten, dass die Grenze abgeriegelt wird – Junge Welt

https://www.jungewelt.de/2016/05-18/083.php?sstr=Kobani

Junge Welt, 18.05.2016

Wir befürchten, dass die Grenze abgeriegelt wird

Pädagogen, die traumatisierten Kindern in Kobani helfen wollten, kamen nicht ins Land. Gespräch mit Thomas Lutz

Interview: Gitta Düperthal

Das Zentrum für Traumapädagogik »Welle« hatte eine Zusammenarbeit mit der »Stiftung der freien Frauen in Rojava« geplant. Sie wollten in die Region Rojava in Nordsyrien reisen, um dort Lehrerinnen weiterzubilden und im Umgang mit Kindern zu stärken, die schlimme Kriegserfahrungen haben. Weshalb wurde nichts daraus?

Eine Kollegin von mir, eine kurdische Dolmetscherin und ich saßen praktisch schon auf gepackten Koffern. Doch drei Tage, bevor wir loswollten, hieß es plötzlich: Die Grenze ist geschlossen. Es war die einzige Möglichkeit, in die von der Terrormiliz IS zerstörte und von den Frauen- und Volksbefreiungskräften YPJ/YPG wieder befreite Stadt Kobani einreisen zu können. Wir hatten uns zuvor mit dem Grenzkommandanten des Übergangs vom Nordirak nach Nordsyrien per Mail verständigt, Flüge waren gebucht, Formulare ausgefüllt, Kopien unserer Reisepässe verschickt. Doch dann ist der Mailkontakt abgebrochen. Auf unsere Nachfragen kam keine Antwort mehr. Wir wären trotzdem geflogen, aber unsere Freunde in Rojava signalisierten, dass wir keine Chance hätten. Die »Stiftung der freien Frauen in Rojava« und die »Demokratische Bildungsinitiative in Kobani« wollen unbedingt diese Zusammenarbeit – genau wie wir auch. Wir appellieren an die kurdische Regionalregierung unter dem Präsidenten Masud Barsani im Nordirak, die Grenze wieder zu öffnen – so wie es auch die Initiative »Tatort Kurdistan« in einer Petition fordert.

Welche Art der Kooperation ist vereinbart?

Wir planen weiterhin ein Seminar mit 20 Lehrerinnen und Pädagoginnen, die mit Kindern in Kobani arbeiten. Viele haben ihre Eltern verloren, etwa durch den Sprengstoffanschlag des IS am 20. Juli 2015 in der türkischen Stadt Suruc, nahe der syrischen Grenze. Damals kamen Aktivisten ums Leben, die auf dem Weg nach Kobani waren, um dort beim Wiederaufbau zu helfen. Es geht um die Unterstützung der überlebenden Kinder bei der Bewältigung ihres Alltags und ihrer Lebensgeschichte.

Wie kam es zu dieser Idee?

Die »Stiftung der freien Frauen in Rojava« engagiert sich dabei, die vom Krieg traumatisierten Kinder in ihrer Entwicklung zu unterstützen und durch Bildung zu fördern. Deshalb hatten sie angefragt, welche Initiativen es in dem Bereich in Europa gibt – und Kontakt zu uns gesucht. Unsere Gesellschafterversammlung hatte beschlossen, dass das Seminar nicht einzelne Mitarbeiter in ihrer Freizeit machen müssen, sondern dass es als offizielles Projekt der »Welle« durchgeführt wird. Zunächst hatten wir gedacht, die Pädagoginnen aus Rojava wollten zu uns kommen. Es ist ihnen aber nicht möglich, mit 20 Leuten anzureisen, weil sie dort dringend benötigt werden. Menschen in Rojava empfinden es zudem als Wertschätzung ihrer Leistung, wenn europäische Delegationen zu ihnen reisen, um sie beim Wiederaufbau zu unterstützen. Ihr Konzept ist, alle ethnischen Bevölkerungsgruppen der Region, anteilig nach Größe, an allen Entscheidungs- und Verwaltungsstrukturen zu beteiligen und die gleichberechtigte Mitbestimmung von Frauen und Männern in allen Gremien der Kommunal-, Räte- und Kantonsvertretungen umzusetzen. Ihr militärisches Selbstverteidigungsstatut sieht vor, die Bevölkerung vor Angriffen zu schützen, aber keine Eroberungs- und Unterwerfungspläne zu verfolgen.

Ist es ein Schutz für die Bevölkerung in Rojava, wenn Europäer dorthin fahren?

Zumindest ist es eine höhere Hürde für die Türkei, dort anzugreifen, wenn internationale Delegationen anwesend sind. Wir befürchten, dass die Grenze jetzt hermetisch abgeriegelt wird, um jegliche Unterstützung von außen zu verhindern. Aus meiner Sicht ist die egalitäre demokratische Gesellschaft, die in Rojava aufgebaut wird, für die türkische AKP-Regierung von Recep Tayyip Erdogan ein Feindbild. Eine von Kurdinnen und Kurden organisierte Gesellschaft, in der Religionsfreiheit gelten soll, ist ihr ein Dorn im Auge. Um das basisdemokratische Modell zu unterstützen, wollen wir dorthin fahren, selbst wenn es in der Krisenregion gefährlich ist.

 

Kasten:

Thomas Lutz ist Gesellschafter und Sozialarbeiter bei der »Welle gGmbH« in Hanau, einer Einrichtung in freier Trägerschaft der Kinder-, Jugend und Familienhilfe, die unter anderem Pädagogen Fortbildungen bietet, um sie im Umgang mit Kindern mit schweren seelischen Problemen zu stärken