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  • Städtefreundschaft Frankfurt – Kobanê e.V. c/o Club Voltaire Kleine Hochstraße 5 60313 Frankfurt am Main
  • Spendenkonto: Frankfurter Volksbank IBAN DE66 5019 0000 6200 9082 42
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Reisebericht aus Rojava von Prof. Dr. Gerhard Trabert

Meine zweite Reise in die Rojava-Region in Nordsyrien vom 7.6. bis zum 15.6.2017

Zum zweiten Mal fliege ich nach Rojava. Es sind hauptsächlich 3 Gründe warum ich wieder in diese Kriegsregion fahre:

1. Ich überbringe medizinisches Gerät (ein mobiles Ultraschallgerät, kleinere medizinisch-diagnostische Hilfsmittel, spezielle Medikamente zur Wundbehandlung). Ich möchte zielgenau mir vor Ort noch weitere Informationen einholen, was von den Ärzt*innen genau benötigt wird. Und ich möchte mir speziell die Gesundheitsversorgungssituation in den Flüchtlingslagern in Rojava ansehen, speziell in Ayn Issa, dem Camp in dem ich Ende März gearbeitet habe.)

2. Ich möchte mit dieser Reise erneut meine Solidarität und Unterstützung gegenüber dem basisdemokratischen Gesellschaftsmodell in Rojava deutlich machen. In diesem Zusammenhang verurteile ich auch den militärischen Anschlag der Türkei auf die Funkstation in Karaco an der irakischen Grenze. Deshalb ist es auch mein Wunsch mir vor Ort die Auswirkungen des Militärschlags anzuschauen.

3. Ich möchte mit meiner Reise auch meine Kritik an der europäischen, speziell deutschen Flüchtlingspolitik zum Ausdruck bringen. Deshalb werden ich auch in den kommenden Monaten zwei weitere Hilfsaktionen der Hilfsorganisationen Cadus im Nordirak und der Sea-Watch im Mittelmeer persönlich unterstützen. Ich habe es die Trilogie des praktischen Widerstandes genannt (Juni: Rojava/Nordsyrien; Juli: Nordirak mobiles Hospital für Flüchtlinge und August: Mittelmeer zivile Rettung von Bootsflüchtlinge). Die Schließung der Balkanroute, das fehlende Rettungskonzept für all die Mittelmeerbootsflüchtlinge verursacht Not, Leid und den Tod von zahlreichen Menschen auf der Flucht. Und dies findet immer mehr unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Am frühen Morgen kommen wir in Qamischli an. Wir sind eine kleine Gruppe. U.a. nehmen auch zwei Traumapädagog*innen des Traumazentrums Hanau (Verein „Die Welle“) an diesem Besuch teil. Sie werden Lehrer/ Multiplikatoren in Qamischli und Kobane im Hinblick auf die Versorgung von traumatisierten Kindern und Jugendlichen schulen. Des Weiteren sind Vertreter*innen des Vereins Städtepartnerschaft Frankfurt – Kobane sowie der Stiftung der freien Frau in Rojava dabei.

Zuletzt befand ich mich Ende März diesen Jahres in Rojava. Ich treffe viele bekannte Gesichter im „Heim der Verletzten“, einem Reha-Zentrum. Hier befinden sich viele arm- beinamputierte, querschnittsgelähmte kurdische Kämpfer. Verletzt im Kampf gegen den IS. Ich werde sehr freundschaftlich begrüßt und spüre sofort wieder diese Verbundenheit. Eine Verbundenheit im Kampf für Demokratie, für den Erhalt und die weitere Gestaltung einer basisdemokratischen Gesellschaftsform. Natürlich sprechen alle von der derzeitigen Offensive in Raqqa der kurdischen Armee gegen die IS-Hochburg.

Im „Heim der Verletzten“ besuche ich die Prothesenwerkstatt. Dort diskutieren wir die Option, eventuell einen 3D-Laserdrucker zur Herstellung von Prothesenteilen in Kooperation mit der Universität RheinMain Wiesbaden Fachbereich Sozialwesen und Ingenieurwissenschaften anzuschaffen und einzusetzen.

Soldatenfriedhof in Qamischli

Danach fahre ich mit zwei jungen liebenswerten kurdischen Kämpfern, die dabei sichtlich betroffen sind, zum Soldatenfriedhof in Qamischli. Viele ihrer Freunde sind dort begraben. Beides sind die schrecklichen Facetten, die Auswirkungen eines jeden Krieges. Die Gräber sind alle mit bunten Portraits der Verstorbenen verziert. Sehr respektvoll, individuell und wertschätzend gestaltet.

Übergabe Ultraschallgerät in Tepke

Danach geht es, mittels einer 3-stündigen Autofahrt, an die türkisch-irakische Grenze in die Umgebung der Stadt Derik. In dem kleinen Ort Tepke übergebe ich unser mobiles Ultraschallgerät im Wert von ca. 11.000€ Vertreterinnen eines Gesundheitszentrums der Stiftung der freien Frauen von Rojava. Dort werden, fern ab von größeren Städten, die Landbevölkerung sowie auch die geflüchteten Menschen speziell im Flüchtlings-Camp Roj, ärztlich versorgt. Das Ultraschallgerät konnte durch zahlreiche Spenden und in Kooperation mit der Schweizer Hilfsorganisation Delta angeschafft werden. Ich bin erleichtert, als ich das kostbare Untersuchungsgerät intakt und funktionsfähig übergeben kann. Hilfe die dringend benötigt wird und ankommt. Hilfe die die Gesundheitsversorgung in Rojava wieder ein klein wenig verbessern wird.

Türkische Militäraktion in Karaco (Berg Qerecox)

Nach der Übergabe des Ultraschallgerätes fahren wir auf den Berg Qerecox bei Karaco  an der türkisch-irakischen Grenze. Ich wollte mir mit eigenen Augen die Verwüstung der Radiostation und des Funksenders durch die türkische Armee, durch massiven Raketen- und Bombenbeschuss, anschauen. Angeblich würde diese Zerstörung der Bekämpfung von Terrorismus dienen. Dies ist nicht nachvollziehbar und der Versuch der Legitimation von staatlich angeordneten Menschenrechtsverletzungen. 22 Menschen sind bei dieser Bombardierung gestorben. Durch die Wucht der Explosionen, hat man von 3 Opfern keine menschlichen „Überreste“ mehr gefunden. Im Süden, in Raqqa, kämpft die kurdische Freiheitsarmee gegen den IS und im Norden wird sie vom Nato-Partner Türkei bombardiert.

Flüchtlingslager Roj bei Derik (Selbstverwaltung)

Wir besuchen das Flüchtlingslager Roj in der Nähe der Stadt Derik, an der irakischen Grenze. Über 2500 Menschen leben dort. Allein ca. 1000 Kinder finden hier eine erste Zuflucht vor dem Krieg der in dieser Region wütet. Täglich kommen 50 – 100 Menschen aus Mossul oder Raqqa dazu. Das besondere für mich in diesem Flüchtlingslager ist die Selbstverwaltung durch die geflüchteten Menschen. Das basisdemokratische Konzept der föderalen Gesellschaftsstruktur in Rojava wird sofort auch in den Flüchtlingscamps angewandt. Beeindruckend! Die dort untergebrachten Menschen organisieren sich in Räten und geben demokratisch entschieden ihre Bitten und Fragen zum Leben im Camp an die kurdischen Versorgungsstrukturen weiter. 8 Familien haben eine Dusch- und Waschstelle. 4 Familien haben eine Toilette. Es sieht ausgesprochen sauber in diesem Lager aus, kein Müll fliegt umher, man spürt, dass die Menschen dies als ihren derartigen Lebensraum ansehen und sich für die Gestaltung mitverantwortlich fühlen. Im Gespräch mit den Menschen wird dies sehr deutlich. Das ist Rojava, Mitbestimmung und Respekt von Beginn an. Streitereien und gewalttätige Auseinandersetzungen gebe es bisher in diesem Camp nicht. Bestimmt auch eine Folge der Partizipationsmöglichkeiten sowie der entgegengebrachten Wertschätzung.

Reha-Zentrum bei Derik

Danach sehen wir uns ein im Bau befindliches Reha-Zentrum bei Derik an. Es ist für ca. 250, insbesondere Kriegsopfer, geplant. Krieg tötet und führt zu zahlreichen körperlichen und seelischen Handicaps. Die betroffenen Kinder, Frauen und Männer sollen in diesem Zentrum physiotherapeutisch und psychologisch betreut werden. Trotz all der immer noch stattfindenden Kriegshandlungen und einer von Gefahr und Unsicherheit geprägten Lebenssituation spürt man eine empathisch-wertschätzende architektonische Komponente in diesem Zentrum. Viele Wände sind aus zerstörten bunten Keramikfliesen wie ein Mosaik zusammengestellt und die Decke ist ein hellblauer Himmel mit weißen Wolken und Vogelsilhouetten. Beeindruckend!!

Kobane

Kobane befindet sich weiterhin im Aufbau. Überall entstehen neue Gebäude. Ich besuche wiederum das geplante Waisenhaus. Die Baumaßnahmen sind geringfügig fortgeschritten. Die gesamte Finanzierungssumme beläuft sich auf ungefähr 400.000€. Die Hälfte der Gelder wurde schon gespendet. Die Städtepartnerschaft Frankfurt – Kobane sowie die Stiftung der freien Frauen von Rojava unterstützen dieses Projekt nachdrücklich. In Kobane leben ca. 1000 Waisen- und Halbwaisenkinder. Wir besuchen eine Containersiedlung mit 17 Familien mit 50 Kinder bei denen die Väter und teilweise auch die Mütter im Krieg verstorben sind. Die Containersiedlung liegt am Rande der Stadt, kein schönes Wohnumfeld. Aber ein Leben in Sicherheit und versorgt durch die Kommune Kobane. Diese Kinder sollen demnächst in dem neuen Waisenhaus- Schul- Kindergarten-Komplex untergebracht werden. Aber es braucht noch Geld!!!

Ich fahre mit Raskar, dem jungen kurdischen Kämpfer, in den zerstörten Teil Kobanes. Das gesamte Areal soll als Gedenkstätte erhalten bleiben. Überall wurden Schilder platziert mit der Aufschrift der dort getöteten kurdischen Kämpfer. Raskar berichtet mir von den Kämpfen, er zeigt mir das Gebäude in dem er eingesetzt war. Raskar ist jetzt 20 Jahre alt, damals war er 18 !! Er wirkt noch so jung und äußerlich unbeschwert, ich kann nur erahnen was er damals erleben musste.

Im Militär-Hospital von Kobane übergebe ich einem, von meinem letzten Besuch mir bekannten Chirurgen, ein lokales Antibiotikamittel, das dringend benötigt wird zur Behandlung infizierter Wunden. Ich erhalte eine detaillierte Liste von dringend benötigtem chirurgischem Equipment.

Flüchtlingslager Ayn Issa (50km nördlich von Raqqa)

Am nächsten Tag besuche ich erneut das Flüchtlingslager Ayn Issa. Dort sind derzeit doppelt so viele Flüchtlinge wie zu der Zeit im März diesen Jahres, als ich hier war, untergebracht. Die Kämpfe um Raqqa zeigen ihre Wirkung, die Menschen fliehen in großen Massen. Derzeit sind Ärzt*innen von MSF Frankreich und MSF Niederlande sowie der Kurdische Halbmond, eine kleine Schweizer Hilfsorganisation und der UNHCR vor Ort. Die Kinder werden sofort gegen insgesamt 6 sogenannte Kinderkrankheiten geimpft. Leider hat man erste Fälle von Masern im Camp. Das ist natürlich sehr gefährlich. Zudem gebe es Berichte das Erkrankungen mit dem Poliovirus, also Kinderlähmung, in der Umgebung aufgetreten seine. Es gibt wesentlich mehr Wasserstellen und Toiletten im Flüchtlingslager.

Wiederum dezentral aufgestellt, einzelnen Familien mit ihren Zelten zugeordnet. In den zahlreichen Flüchtlingslagern in Afrika und in Asien in denen ich zuvor gearbeitet habe, waren die Toiletten und Wasserstellen immer am Rande oder an bestimmten Hot Spots angesiedelt. Dies führte häufig zu einer extremen Verunreinigung dieser Anlagen. Das dezentrale, über das gesamte Flüchtlingslager verteilte und bestimmten Zelten zugeordnete sanitäre Versorgungsangebot, ist personenzentrierter und erlaubt eine stärkere Identifizierung mit diesen Angeboten. Dies wiederum bedingt eine deutlich erhöhte Hygiene bzw. Saubererhaltung der Anlagen. Insgesamt eine deutliche Verbesserung im Vergleich zu meinem letzten Besuch im März. Meine ärztliche Mithilfe ist nicht mehr notwendig. Auf der einen Seite schön, auf der anderen Seite hätte ich gerne einfach als Arzt wieder ganz praktisch gearbeitet. Etwas egoistisch gedacht. Die verlorenen Blicke der Kinder bleiben, sie sind allgegenwärtig, sie Spiegeln das erlebte Grauen.

Kurdisch militärisch geleitete Gesundheitsversorgungsambulanz 13,5 km von der Frontlinie Raqqa entfernt

Wir sind in der Nähe von Tabka. Laut YPG-Kämpfer ca. 13,5 km entfernt von der Frontlinie in Raqqa. Wir besuchen eine medizinische Ambulanz des Militärs. Alles etwas chaotisch, was natürlich in einem Krieg „normal erscheint“. Dennoch fällt mir immer wieder auf, dass Verbandsmaterial, Medikamente, Infusionen herumliegen, teilweise verdreckt. Ich spreche dies behutsam an. Ich will nicht als Besserwisser agieren, aber dies in seiner Gesamtheit und Ausprägung kann natürlich auch üble Folgen bezüglich der Infizierung von Wunden nach sich ziehen. Es wird scheinbar auch in Zeiten der „Ruhe“ nur geringen Wert auf Hygiene gelegt. Es ist ein Dilemma für mich. Soll ich, darf ich so etwas als Außenseiter beanstanden, der nur wenige Stunden vor Ort ist und sich dann wieder in die sichere Entfernung begibt…??? Gegenüber ist ein us-amerikanisches Hospital. Leider darf ich dort nicht mit den Ärzten reden und dieses Krankenhaus mir anschauen. Warum??? Weil die US-Amerikaner hier gar nicht sein dürfen? Gar nicht da sind? Scheinbare Diplomatie, die sich mir nicht erschließt. Die kurdischen Kämpfer schauen immer wieder auf ihr Smartphone. Warum das?? Dort verfolgen sie die aktuelle Kampflinie um Raqqa. Rote Punkte sind die Einheiten des IS. Gelbe sind kurdische Einheiten, grüne sind die Kampftruppen des syrischen Assad-Regimes. Das hat etwas von einem Computerspiel, leider ist alles real, es wird real unter den gelben, roten und grünen Punkten gestorben.

Tabka und der Assad (Euphrat)- Staudamm (Flüchtlingsströme)

Auf dem Weg nach Tabka begegnen uns hunderte von Flüchtlingen in kleinen und großen Lastwagen vollgepackt mit ihrem letzten Hab und Gut. Traktoren mit Anhänger, Schafe werden in großen Lastwagen mitgenommen, oder die Schafherden werden über den Euphrat-Staudamm getrieben. Im Führerhaus der Lastwagen sitzen eng gedrängt 5, 6, 7 Familienmitglieder, auf dem Dach, auf dem Gepäck sitzen weitere Menschen. Eine junge Familie flieht auf einem Motorrad. Die Mutter hält im rechten Arm ihren Säugling fest und mit der linken eine Tasche, der Vater fährt. Wir fahren über den Assad/Euphrat-Staudamm, überall sind deutlich verheerende Kampfspuren von großen Detonationen und Geschossen zu sehen. Es bestand die große Angst, dass der IS den Staudamm sprengt und damit das gesamte Hinterland überflutet würde. Überall liegen Trümmerteile von Beton, aus der Straße und der Befestigung des Staudamms gerissen, herum.

Tabka-Hospital (4. größtes Krankenhaus in Syrien)

In Tabka, das erst vor 3 Monaten von den kurdischen Einheiten YPG und YPJ vom IS befreit wurde, sehen wir wieder total zerstörte Gebäude. Wir besuchen das Tabka-Hospital, das ehemals viert größte Krankenhaus Syriens. Der IS hatte es als militärische Festung umfunktioniert. Betonblöcke um die einzelnen Krankenhausgebäude platziert. Erdaufschüttungen, Erdwälle, die Fenster mit Sandsäcken ausgefüllt und somit zu Schießscharten gemacht. Ein Bild der totalen Verwüstung im inneren des Hospitals. Der IS hat gezielt die Innenausstattung, sämtliche Einrichtungsgegenstände zerstört. Vieles in Brand gesetzt, gesprengt, demoliert. Ein mit Sprengstoff beladenes Auto wurde hinter der Eingangspforte deponiert. Dort steht es jetzt noch. Niemand traut sich diesen Bereich zu betreten, aus Angst vor Sprengkörpern. Der IS hatte auch einen Tunnel, den man uns zeigt, vom Krankenhaus zu einer Kirche gegraben.

Magic Moment

Dann erlebte ich wieder etwas ganz Besonderes. Wir werden zum Essen eingeladen, aber nicht irgendwo sondern ein kurdischer YPG-Kämpfer, der Verantwortliche für das Tabka-Hospital, jedenfalls das, was davon übrig geblieben ist, schlägt uns vor, an einen schönen Ort am Euphrat zu fahren. Einen wunderschönen Ort bei all dieser Zerstörung? Wir fahren sofort los. Unglaubliches erschließt sich unserem von willkürlicher brutaler Zertrümmerung und Vernichtung geprägten Blick. Ein türkisblaues, absolut klares Wasser, Ruhe, Einsamkeit ein Blick in die Weite des Euphrat-Deltas. Irgendwie halten wir alle den Atem für einen Moment des in sich gekehrt sein, an. Es ist so unglaublich schön hier. Bevor wir  in einer Art Laubengang vor dieser atemberaubenden Naturkulisse gemeinsam essen, sucht jeder von uns einen Ort der individuellen einsamen Stille. Einen Moment des sich Zurückziehens und Besinnens. Auch oder gerade die uns begleiteten YPG-Kämpfer. Die jungen Männer Gelhat 22 Jahre alt und Raskar 20 Jahre alt, der mit 18 Jahren in Kobane gekämpft hat. Nach all diesem Chaos, dieser von Menschenhand geschaffenen Apokalypse ist dieser Ort etwas ganz besonderes. Ich habe das Gefühl, das die Seele, das meine Seele danach schreit etwas anmutiges, schönes zu sehen. Natur zu sehen! Ein Magic Moment.

Kurdistan, ein Land voll mit weiten Kornfeldern aber auch dürren Steppen. Karg, aber auch faszinierend. Überall auf diesen steppenartigen Ebenen sind Flüchtlinge in eigenen Zelten aber auch die ganz normalen Schafherdnomaden zu sehen. Es sieht bei der tief stehenden Sonne, fast idyllisch aus.

Hasan

Am Abend treffen wir Hasan, einen junger Mann der beim Bildungsrat in Kobane arbeitet. Hasan erzählt uns, dass 11 Familienangehörige im Krieg gegen den IS gestorben sind. Viele seien am Tag der Rückkehr des IS getötet worden. Als Kobane befreit war kamen ca. 80 IS-Kämpfer als kurdische Kämpfer verkleidet, zurück in die Stadt und töteten über 360 Menschen. Seine Mutter hätte sich schützend über ihren jüngsten Sohn geworfen und wäre sofort wie ihr Sohn erschossen worden. Die kleine Schwester habe sich hinter der Wohnzimmertür versteckt. Sie wurde entdeckt und erschossen. Hasans großer Bruder und dessen Ehefrau wurden auch getötet. Sie hatten immer wieder den Wunsch geäußert, eine öffentliche Bücherei, eine kleine Bibliothek in Kobane zu eröffnen. In Erinnerung an die beiden hat Hasan diesen Wunsch erfüllt und eine Bibliothek eröffnet. Der Raum in dem viele seiner Familienangehörigen getötet wurden, dient jetzt als öffentliche Bildungsstelle. Zudem ist dieser Raum für Hasan eine Gedenkstätte für seine verstorbenen Familienangehörigen. Sein Vater, der auch getötet wurde, sagte immer: „Lebe Deine Träume, und liebe Dein Leben!“ Die Geschichte von Hasan und seiner Familie steht für mich sinnbildlich für den Spirit vieler Menschen in dieser Region. Das Erleben von Tod und Leid, diese negative Energie wird in eine positive Energie der Zukunftsorientiertheit, des Glaubens an Freiheit und des Funktionierens eines basisdemokratischen föderalen Gesellschaftsmodells transformiert. Eine bewundernswerte persönliche Leistung, die das Besondere des Selbstverständnisses der Bürger von Rojava deutlich macht.

Die Akademie für Gesundheitsberufe in Serekaniye

In Serekaniye besuche ich die neu eröffnete Akademie zur Ausbildung in Gesundheitsberufen (Akademiya Tenduristi A Rojava). Seit diesem Jahr werden dort Krankenschwestern und Krankenpfleger ausgebildet. Im Oktober beginnt die Ausbildung von zukünftigen Ärzt*innen im Studiengang Medizin. Wir diskutieren über die geplanten inhaltlichen Curricula. Ich erläutere das Konzept der Salutogenese. Ich werde sofort gebeten darüber bei meinem nächsten Besuch einen Vortrag zu halten. Bei der Ausbildung der Pädagogen, wurde ich schon gebeten einen Vortrag zum Thema Resilienz zu gestalten. Das ist Rojava: Neugierig, wissbegierig, bereit und offen Konzepte, die eine wertschätzende Grundhaltung dem Individuum gegenüber vermitteln, zu erlernen. Und selbstbewusst zu entscheiden, was sinnvoll erscheint und was nicht!

Heimreise

Es gibt Konflikte zwischen den kurdischen Kämpfern (YPG und YPJ) und den Truppen des Assad-Regimes beim Kampf gegen den IS in Raqqa. Dies hat auch Auswirkungen auf unsere Heimreise. Qamischli ist eine besondere Stadt, dort herrscht eine Koexistenz zwischen Kurden und Assad-Regime-Anhänger. Verschiedene Stadtteile gehören zum kurdischen Rojava und andere Bezirke sind in der Hand von Assad. U.a. auch der Flughafen! Unser Heimflug nach Beirut ist gestrichen. Wir müssen versuchen nach Damaskus zu kommen und dort mit dem Auto über die syrisch-libanesische Grenze nach Beirut.

Gerhard Trabert, Juni 2017

 

Die von IS getöteten Familienangehörigen von Hasan
G. Trabert mit Waisenkindern von Kobane
Flüchtlingscamp von Ayn Issa
Bildungsministerin v. Kobane N. Kenan und G. Trabert